2009
04.03

Auch dieser Text ist eine be-1,0-te Hausarbeit.

1. Einleitung
In vino veritas heißt es, doch schon so mancher wachte nach einer durchzechten Nacht auf und konnte sich danach nicht mehr an alles erinnern. Aber auch die Variante, jemanden mit gutem Wein zu traktieren, hat vielfach Anwendung gefunden, so zum Beispiel im Roman Mai und Beaflor eines anonymen Autors aus dem späten 13. Jahrhundert. Darin macht ein Bote mit Briefen einen verhängnisvollen Umweg und trägt danach ausgetauschte Schreiben mit sich. Dies alles lässt fraglich erscheinen, ob im Wein denn wirklich so viel
Wahrheit liege.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Gegebenheiten der Fernkommunikation, wie sie in Mai und Beaflor verhandelt werden. Dabei wird nach einigen Bemerkungen zu Text und Edition und einer kurzen Wiedergabe der Handlung der Referenzrahmen beleuchtet, in dem im Roman und der entsprechenden Zeit kommuniziert wurde. Fragen vom Vertrauen, aber auch vom feudalen System und wer darin wie wirkt, sind im Folgenden Gegenstände der Betrachtung. Da der Verfehlung eines Boten eine ganze Kette von tatsächlichen oder beinahe stattfindenden Unglücken folgt, werden die beiden auftretenden Boten in einem eigenen Kapitel ‚gewürdigt’. Aus den beschriebenen Schwierigkeiten der Fernkommunikation im Mittelalter werden anschließend Überlegungen zu Schwierigkeiten und Grenzen der Botschaftsübertragung und den verschiedenen Möglichkeiten der Konfusion abgeleitet. Den Schluss bilden Betrachtungen zum Wandel der Rolle des Boten und der Frage, welchen Effekt der Text beim zumeist adligen Publikum mutmaßlich bewirken sollte.
Armin Schulz stellt zwar fest, dass das Interpretationspotential des Textes Mai und Beaflor bei weitem noch nicht ausgeschöpft sei, doch zumindest ist die Literaturlage nicht allzu angespannt, da gerade Fragen nach Kommunikation, Beziehungsführung, Nachrichtenübertragung und Herrschaftspraxis im feudalen Kontext verschiedentlich das Interesse der Forschung auf sich gezogen haben. So arbeitet diese Darstellung unter anderem mit Texten von Werner Röcke, Horst Wenzel, Armin Schulz und Ingrid Kasten, in denen mal der eine, dann der andere Aspekt aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird.
Das im vergangenen Jahr von Albrecht Classen eine Neuedition mit umfangreichem Kommentar und weiterführenden Überlegungen vorgelegt worden ist, kann der Diskussion um Mai und Beaflor neuen Schwung geben. Dies gilt umso mehr, da diese Edition nicht unwidersprochen blieb, da Classens sehr freie Übersetzung Debatten über einzelne Aspekte gerade herausfordert.

2. Werk und Inhalt
2.1 Werk und Edition

Mai und Beaflor ist ein mittelhochdeutscher Versroman von 9600 Versen Umfang und einem anonymen Verfasser. Ingrid Kasten gibt als Entstehungszeitraum die Jahre 1270 bis 1280 an, der Herkunftsort wurde von Werner Fechter in der Steiermark verortet. Erhalten ist das Werk in zwei bairisch-österreichischen Handschriften.
Lange Zeit war eine anonym erschienene Leseausgabe aus dem Jahre 1848 die einzige Edition des Textes, bis im vergangenen Jahr Albrecht Classen eine Neuedition und Übersetzung vorlegte, die nicht nur auf ungeteilte Zustimmung stieß. Obwohl Classen eine neue durchlaufende Verszählung einführt, lässt er die alte Zählweise in vierziger Blöcken am anderen Editionsrand fortbestehen. Diese ist in der Forschungsliteratur zu Mai und Beaflor aufgrund der lange Zeit dürftigen Editionslage bislang ausschließlich genutzt worden. Da die Classen-Edition „nur bedingt einen zuverlässigen Text“ bereitstellt, wird im Verlauf dieser Arbeit auf die Edition von 1848 zurückgegriffen, die zudem im Internet als gescannte Vorlage bereitsteht. Inhaltlich lehnt sich der Roman stark an das Crescentia-Motiv an, das in der deutschen Literatur zuerst in der Kaiserchronik aus dem 12. Jahrhundert erscheint. Neuartig im Vergleich damit sind das zu Beginn eingeführte Inzestthema sowie die stärkere Akzentuierung des Vertrauensaspekts, auf den Werner Röcke ausführlich eingeht. Die literarische Figur „Beaflor realisiert unterschiedliche Formen personaler Kommunikation“ – ein Umstand, der im Folgenden noch wichtig wird. Aber was noch viel wichtiger ist: Eine mörderische Intrige wird mittels Alkohol liebender Boten und vertauschter Briefe ins Werk gesetzt, was der Erzählung vom Wirken des Boten im Text ungewöhnlich viel Raum verschafft.

2.2 Die Erzählung

Alles nimmt in Rom seinen Anfang, wo König Telion nach dem Tode seiner Frau Sabie auf die Idee kommt, sich an seiner Tochter Beaflor zu vergehen. Diese schafft es aber mit Hilfe ihres treuen Dieners Roboal und dessen Frau Benigna vor Vollzug dieser Tat zu fliehen, und so verschlägt es sie auf den Peloponnes. Dort lernt sie den jungen Fürsten Mai kennen. Die beiden verlieben sich und heiraten, wobei sich Mai keineswegs um die unklare Herkunft seiner Braut kümmert, was noch zu Schwierigkeiten führen wird. Doch vorerst ist die Freude groß und die Beiden führen eine idealtypische Ehe. Schließlich wird sie schwanger. Doch da erscheint ein Bote und überbringt mündlich folgende Botschaft: Mais Onkel in Spanien schlägt sich mit den Heiden und bittet um Hilfe. Der Bote reist mit positiver Nachricht zurück und auch Mai tritt frohgemut das Abenteuer an. Seine Frau vertraut er seinen engsten Beratern, den Grafen Cornelius und Effreide an.
Dann kommt das Kind auf die Welt: ein Sohn. Die Grafen senden einen Brief mit der frohen Botschaft und auch Beaflor schreibt ein paar Zeilen an ihren Geliebten. Ein namenloser Bote wird mit den Briefen auf dem kürzesten Weg nach Spanien geschickt. Aber anstatt zu tun, wie ihm geheißen, macht der Bote einen Umweg über Schloss Claremunt, wo Mais Mutter Eliacha lebt und überbringt ihr die vermeintlich frohe Kunde. Da sie dynastischer als Mai denkt, ist Beaflors unklare Herkunft für sie durchaus ein Problem: Sie unterstellt ihr, aufgrund sexueller Verfehlungen aus ihrer Heimat verjagt worden zu sein. Halb überredet, halb befiehlt sie dem Boten über Nacht zu bleiben und lässt ihn ordentlich abfüllen.
Tags darauf fliegt der leicht verkaterte Bote förmlich seinem Ziel entgegen, bis er schließlich Mai gefunden hat und ihm strahlend die Briefe übergibt. Dabei vergisst er nicht hinzuzufügen, dass er gute Nachrichten bringe. Mai sieht das anders: Im vermeintlich von den Grafen geschriebenen Brief steht, dass Beaflor mit zwei Pfaffen gesündigt und daraufhin ein Wolfsjunges geboren habe. Im vermeintlichen Brief von Beaflor steht nicht viel, außer dass sie sich ihrer Schuld bewusst sei und sein Urteil erwarte. Da hat, was Mai und der Bote nicht wissen, die böse Schwiegermutter ihre Finger im Spiel. Mai kriegt nach der Brieflektüre einen etwas unritterlichen Heulkrampf, fällt vom Pferd und will sich ertränken. Doch das verhindern seine Getreuen: Trotzdem versteht Mai jetzt die Welt nicht mehr und der Bote auch nicht.
Wenig später setzt Mai einen Brief auf. Darin steht, dass nichts unternommen werden solle, bis er zurück sei. Der Bote macht aber wieder den verhängnisvollen Umweg über das Schloss der Schwiegermutter. Dort werden seine Erwartungen an die Abendplanung nicht enttäuscht: Der Bote landet unter dem Tisch und erneut ausgetauschte Post in seiner Tasche.
Einen Tag später erreicht der Bote, der den Inhalt des Briefs nicht kennt, die Grafen, die den Brief vorlesen lassen. Darin steht, dass sie Beaflor und das Kind umbringen sollen, andernfalls werde Mai nach seiner Rückkehr die gesamten Familien der Grafen auslöschen. Verzweifelt statten Effreide und Cornelius Beaflor einen Besuch ab, um mit ihr über die Lage zu beraten. Nach einigem hin und her entschließt man sich, Beaflor in das Boot, mit dem sie einst nach Griechenland kam, zu setzen. Sie gelangt nach Rom, wo sie im Hause des Senators Roboal und seiner Frau Benigna, Beaflors untadeligen Adoptiveltern, Unterschlupf findet.
Nach Mais Rückkehr berichten die Grafen ihm, dass sie seiner Order gemäß Beaflor und das Kind ermordet hätten. Jetzt gerät Mai in Wut und legt sich mit den Grafen an, die sich seiner vermeintlichen Order widersetzt haben. Aber auch das Volk gerät in Aufruhr und will Mai steinigen, denn es hält ihn für einen ungerechten Herrscher, der wie aus heiterem Himmel seine vortreffliche Frau, ein Muster an Tugend, und den Thronfolger hat töten lassen. Erst als ein Bischof vermittelt, löst sich das Ganze langsam auf und der Bote wird herbeizitiert. Der weiß natürlich nichts von der ganzen Sache, gibt aber zu, den erwähnten kleinen Umweg gemacht zu haben. So hat der schlechte Bote sein Leben schon fast verwirkt, da macht sich Mai zum Schloss seiner Mutter auf, wo er auch die abgefangenen Briefe findet. Rasend erschlägt er seine Mutter. Daraufhin hat er schon zwei Probleme: die Trauer um die vermeintlich toten Frau und Sohn, sowie die Schuldgefühle wegen des Muttermords. Mit diesen beiden seelischen Problemen reist Mai Absolution suchend zum Papst nach Rom, wo er bei einer Party im Hause des mittlerweile Senator gewordenen Roboal Beaflor wieder trifft. Nach Jahren der Trennung sind sie wieder glücklich vereint. Auch Beaflors Vater erkennt nun seine Tochter wieder und gesteht vor lauter Rührung seinen Inzestversuch. Er legt die Kaiserkrone nieder und in Mai findet das Volk Roms seinen neuen Herrscher.

3. Der Bezugsrahmen
3.1 Die feudale Ordnung und das dreifache Vertrauen

Mit Mais Erhöhung zum König von Rom und der Auflösung der Verwirrung um die ausgetauschten Briefe wird auch Beaflors Status wiederhergestellt. Der gesellschaftliche Platz, von dem sie einst fliehen musste, wird ihr am Ende der legendarisch anmutenden Geschichte wieder zuteil.
Überhaupt fällt auf, dass der Autor der Geschichte, die mit einer großen Anzahl von Verwicklungen, Missverständnissen und Fehlern der Protagonisten daherkommt, schließlich einer jeden Hybris eine Nemesis gegenüberstellt, alles und jeder findet an seinen Platz zurück: So endet der Versuch des kaiserlichen Inzests schlussendlich mit der freiwilligen (!) Niederlegung der Kaiserwürde. Mais Übertretung der feudalen Ordnung – er heiratet eine zwar reiche und schöne, aber unbekannte Fremde, ohne vorher seine Familie oder seine Vasallen zumindest formal um ihr Einverständnis zu bitten – zieht sowohl eine mörderische Intrige seiner Mutter, einen Aufstand seines Volkes und fast seine Steinigung nach sich. Der korrupte und vinophile Bote büßt seine Verfehlung beinahe mit dem Verlust seines Lebens, interessanterweise nicht beim Überbringen der außerordentlich schlechten Nachrichten in den gefälschten Briefen, sondern erst als herauskommt, dass er seinen Auftrag verhängnisvoll schlecht erfüllt hat. Ihm schlägt nicht gerade Freude entgegen, als er auf die Frage, wie es Beaflor ginge, freudestrahlend und arglos gute Botschaften verkündet, während die von ihm ausgehändigten Briefe das Gegenteil verkünden und auch nicht ganz die Reaktion auslösen, die der Bote erwartet haben dürfte:
„der tievel hât dich her gesant./ waz maere hâstû uns her braht?/
jâ daz die ie wart gedâht!/ dû waerest wol des tôdes wert./
man sollte durch dich drizic swert/ stechen umb diese botschaft.“
Das Schwert aber bleibt Eliacha vorbehalten, von der diese Botschaft ja auch tatsächlich stammt und deren Intrige sie schließlich das Leben kostet.
Das alles gestaltet meines Erachtens ein funktionstüchtiges und nachhaltig als gültig angenommenes System, dass Ausdruck einer Gott gegebenen Gesellschaft ist. Der passende Oberbegriff lautet ‚göttliche Gerechtigkeit’. Und genau auf diese vertraut auch Beaflor, wie Röcke betont. Er hält ihr zwar eine „bemerkenswerte Passivität“ vor, da sie allein auf Gottes Allmacht und Güte vertraue und ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten denkbar gering einschätze. Dieses Vertrauen stellt er dabei aber in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang, der eine dreifache Form dessen in die funktionierende (!) Kommunikation innerhalb der gegebenen Gesellschaft ausdrückt. Neben dem Glauben an Gott verlässt sich Beaflor dabei zum einen auf den Familienverband, da sie in einem intakten familiären Umfeld aufwächst und selbst nach der drohenden Zerstörung der Idylle und ihrer Flucht in Griechenland rasch wieder in einem funktionierenden Umfeld lebt. Zum anderen zeigt sie eine Vertrauensseligkeit in ihren Gatten Mai, die als Minne bekannt ist. Schon im Vorfeld der Ehe wird deutlich, dass bestimmte Normen gesellschaftliche Gültigkeit besitzen: Als Beaflor Griechenland erreicht und Mai kennen lernt, ist sie objektiv gesehen ein allein reisendes Mädchen ohne den Schutz einer Familie oder eines männlichen Begleiters, dafür aber ausgestattet mit einigen materiellen Gütern und einer nicht zu verachtenden Schönheit. Folglich erkennt Mai sie sofort als Angehörige seines Standes an, wenn auch „ohne rechtlichen Status, ohne rechtliche Absicherung.“ Aber da in diesem Romanzusammenhang die Gesellschaftsordnung funktioniert, sichert ihr Mai sofort Freiheit von Übergriffen zu und fragt auch nicht nach den Umständen ihrer Reise oder ihrer Herkunft. Damit, unterstreicht Ingrid Kasten, beweist Mai, dass die gesellschaftliche Verhaltensnorm gilt und Beaflors Vertrauen berechtigt ist.
Anhand dieser Situation, in der Beaflor das Vertrauen in die Gültigkeit der Normen ihrer Gesellschaft bewahrt und so auch ihr Weltbild intakt bleibt, zeigt sich, wie ebendieses Weltbild als ein Schema der Erfahrung mit der Wirklichkeit funktioniert und dadurch wiederum zum Schema der Deutung von Wirklichkeit im Sinne Röckes wird.

3.2 Eine Fremde – das geht doch nicht (Beaflor vs. Eliacha)

„Deutungsschemata des Mittelalters, seien es nun Weltbilder oder Mentalitäten, sind häufig in Gegensätzen organisiert, die einander wechselseitig bedingen und erst in ihrem Zusammenhang sinnvoll sind“ führt Röcke aus und fügt zur Interpretationsbedürftigkeit als Besonderheit literarischer Weltbilder hinzu, bei literarischen Diskursen gelte mehr noch als bei außerliterarischen, dass „Weltbilder hier nicht als solche reproduziert, sondern ihre einzelnen Elemente auf jeweils unterschiedliche Art und Weise reflektiert und montiert, erprobt, gegeneinander gestellt und an ihre Grenzen geführt werden.“
Wenn also Beaflor durch ihre interpersonelle Kommunikation, ihr Vertrauen in das große Ganze und einen grenzenlosen Idealismus charakterisiert ist, so steht ihrer Figur ein Gegenentwurf gegenüber: Eliacha. Diese Konstruktion verlangt von Eliacha, dass sie das exakte Gegenteil Beaflors ist: Eliacha misstraut Beaflor aufgrund ihrer unklaren Herkunft und handelt überaus pragmatisch, wie sich im Folgenden an ihrer Intrige noch zeigen wird. Der Heirat Mais und Beaflors hat sie aber zunächst nichts entgegenzusetzen, denn Beaflor kann „jeden durch ihre unglaubliche körperliche Schönheit bestechen“ (ein altersbedingtes Attribut, das Eliacha nicht mehr unbedingt zu Eigen sein muss) und nebenbei auch „durch ihren unermesslich Schatz so beeindrucken“ , dass schließlich der Widerstand gegen Mais Heirat mit einer „vorläufig sozial nicht einstufbaren“ Unbekannten in sich zusammenbricht. Genau das aber ist Eliachas Problem, die daraufhin den Hof verlässt. Noch vor der Hochzeit aber wird sich ihr Misstrauen in einer hanebüchenen Erklärung Bahn schlagen – eines Tages beobachtet sie die noch arg kindlich erscheinende Beaflor beim Baden und kann sich trotz des Anblicks nur vorstellen, dass diese wegen sexueller Verfehlungen aus ihrer Heimat vertrieben worden ist. Dass Classen diesem „Widerspruch zwischen körperlicher Evidenz und fehlendem genealogischen Wissen“ nicht problematisiert, kritisiert Schulz und deutet diese Situation seinerseits als literarischen Ausdruck einer problematischen, zweifachen Konzeption adeliger Identität.
Es muss hier jedoch ergänzt werden, dass sogar drei Konzepte aufeinander prallen, wobei die von Mai und Beaflor harmonieren, während Eliachas Sicht der Dinge der von Beaflor wie oben schon aufgezählt diametral gegenüber steht.
Mai leitet aus Beaflors Schönheit und ihrem mitgebrachten Reichtum ab, dass sie von seinem Stand sein müsse und er ihr zumindest nicht misstrauen müsse – im Romankontext ein zulässiger Schluss und ein typisch männlicher dazu. Beaflors Vertrauen in die funktionierenden Regeln ihrer Schicht ist schon oben beschrieben worden. Eliacha aber ist gekennzeichnet durch genau das Misstrauen, dass Mai gerade nicht zeigt. Woher kommt das Mädchen und warum ist sie verjagt worden? Vor allem die ungeklärte Frage von Beaflors familiärer Herkunft ist für Eliacha als Verkörperung feudaler Logik und Bewahrerin der Familienehre überaus problematisch. Zudem kann sie sich durch Mais Alleingang, Beaflor zu heiraten, in ihrer Kompetenz übergangen fühlen. „So weiß man, daß im Adel Ehen in der Regel aus politischen, dynastischen und wirtschaftlichen Gründen geschlossen wurde (…) Der Ehevertrag wurde nicht zwischen den künftigen Eheleuten sondern zwischen zwei Familien geschlossen.“ Da Mai sich über die gültigen und für das Weiterbestehen des Feudalsystems unerlässlichen Regeln hinwegsetzt, stellt er sich faktisch gegen das System, das die Herrschaft sichert und auch gegen seine Mutter, was nicht folgenlos bleibt. Beaflor hingegen scheint das zu ahnen und lehnt „zunächst einmal mit Verweis auf ihre vorgeblich niedere Herkunft Mais Bitte ab, in Ehe und Herrschaftsübernahme einzuwilligen, bevor sie dann doch zustimmt. Graf Mai allerdings setzt sich über alle diesbezüglichen Warnungen hinweg und überantwortet sich ausschließlich seiner Liebe, nicht aber seinen politischen Aufgaben, die Ehre des Landes und seiner Krone zu schützen.“
Auf einen Umstand von einiger Symbolkraft weist schließlich noch Schulz hin, wenn er bemerkt, dass Nacktheit im Mittelalter auch Identitätslosigkeit bedeute und Beaflor der Fremdzuweisung ihrer Identität durch Eliacha arg- und schutzlos ausgeliefert sei. Und irgendeine Aktion braucht die Handlung auch, sonst würde bei dieser idyllischen Zweierbeziehung kaum etwas passieren. „Es liegt in der Logik dieses geschlossenen Systems personaler Zuwendung, daß es nur von außen, nicht aber durch die Liebenden selbst gefährdet werden kann“, meint Röcke dazu und sieht die gewohnten Denkmuster Mais und Beaflors durch Eliachas raffinierte Klugheit und Falschheit in Frage gestellt. Man geht kaum zu weit, betrachtet man die „Intrige der Grafenmutter nicht als ein Handlungselement im Erzähltypus ‚unschuldig verleumdete Gattin’, sondern auch als Gegenmodell zur idealen Form personaler Kommunikation, die in der Minne ohne zwîvel und arcwân realisiert wird.“

4. Und dazwischen: Boten
4.1 Zwei Boten

Die Problematik des Botenthemas in Mai und Beaflor ist evident. Dabei muss aber beachtet werden, dass nicht nur ein Bote im Werk eine Rolle spielt, sondern zwei: der eine bringt Mai die mündliche Kunde vom bevorstehenden Kampf seines Onkels mit den Heiden. Er macht dabei alles richtig, jedenfalls sind im Text keine Probleme angesprochen. Dementsprechend ist sein Auftritt auch kürzer als der Auftritt seines, bei der Ausführung des Auftrags weniger akkuraten Kollegen. Somit ist der ‚gute’ Bote wieder ein Gegenmodell, auch wenn er wie sich herausstellt den einfacheren Auftrag hat, denn zum einen ist die Botschaft, die er bringt, in seinem Körper internalisiert, zum anderen ist er nicht Werkzeug einer Intrige.
Was und wie es den Boten passiert, ein Kernthema des Buches gewissermaßen bewegt sich im „Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit“; dort „stehen Boten und Botschaften, der Bote als Nachrichtenträger, die Botschaft als Schriftcorpus, als schriftgebundene Rede“ und während der erste Bote noch im Gespräch alles klärt, was es für ihn und vor allem für seinen Herren zu klären gibt, wird Bote Nummer Zwei mit Briefen bewaffnet losgeschickt – anfangs weiß er sogar um die gute Nachricht von der Geburt des Sohnes und sagt es auch, doch da seine eigentliche Botschaft in Schrift übergegangen und damit aus dem Botenkörper externalisiert wurde, schenkt man seinen Worten keinerlei Gehör.
Im Übrigen bleiben beide auftretenden Boten anonym, das heißt, keiner wird mit Namen eingeführt. Daraus lässt sich, gerade mit Augenmerk auf die vom schlechten Boten (mit-) verursachten Verwicklungen eine Beispielhaftigkeit ausmachen. Da auch keine Angaben über den Stand der auftretenden Boten gemacht werden, unterstelle ich dem Autor, dass ihm weniger Ansehen und Figur wichtig sind, sondern dass er auch beim Entwurf der beiden Botenfiguren auf eine Paradigmatik abhebt, die einen gewissen didaktischen Nutzen anstrebt. So wird bei allem Versagen des zweiten Boten nicht erwähnt, dass er von sich aus Böses will. Weiterhin wendet der Erzähler, der hier direkt den ‚mahnenden Zeigefinger’ hebt, sich direkt an den Leser:
„Wê daz ieman sô wirbet/ dâ von gar verdirbet/ beidiu vrôude und êre/
der bote sol immer mêre/ Vervluochet sin unde geschant/ an dem beidiu erkant/
daz er solher site pfliget,/ daz er durch miete sich bewiget,/ daz beidiu schaden und laster birt,/
und daz er von trinken wirt/ daz er sin selbes vergizzet,/ dâ von er übermizzet/
beidiu triuwe unde zuht.“
Harte Worte sind das. Hinzuzudenken ist die Häufigkeit, mit der Boten durch die mittelalterliche Landschaft geschickt wurden und ihre Bedeutung: „Das Botenmotiv basiert auf dem in jeder Partnerbeziehung ganz natürlichen Bedürfnis nach Austausch mit dem anderen, nach Austausch auch über eine räumliche Entfernung hinweg. Unter spezifischen mittelalterlichen Kommunikationsverhältnissen handelt es sich um ein nicht wegzudenkendes Moment der Lebenspraxis. Der Bote ist also zunächst einmal eine Gegebenheit mittelalterlicher Kommunikationsbedingungen.“ Verheerend ist in diesem Zusammenhang, wenn boshafte Kräfte eine Verzerrung bewirken wollen oder charakterliche Schwächen des Boten seine Leistungsfähigkeit als Medium beeinträchtigen.

4.2. Was Boten und Botschaft beeinflussen kann

Gerade wegen der Bedeutung des Botenmediums muss man sich klar machen, welchen Unwägbarkeiten die Nachrichtenübertragung auf diesem Wege unterliegt. Eine Bemerkung grundsätzlicher Natur bringt Henning Wuth ein: „Jede Nachricht soll die Distanz zwischen Absender und Empfänger überwinden. Mit wachsender Distanz aber potenzieren sich die möglichen Unwägbarkeiten und Hindernisse“ und beeinträchtigten, so Wuth weiter, die sichere Übertragung, wobei er ‚sicher’ primär auf zwei Arten versteht. Erstens bedeutete das, dass die Botschaft mit dem Boten überhaupt, und zweitens, dass sie rechtzeitig ankomme. So gelingt die fernmündliche Kommunikation zwischen Mais Onkel in Spanien und Mai selber, denn die Kunde gelangt an Mais Ohr und Mai hat offensichtlich in Spanien noch ausreichend Gelegenheit sich auszuzeichnen.
Nun wird Wuths sichere Übertragung des intendierten Inhalts noch weiter erschwert, denn zur Überstellung der frohen Botschaft des Nachwuchses wird keine mündliche Botschaft losgeschickt, sondern ein Brief. Damit – und dies ist sicherlich kein Zufall, sondern ein Plan des Autors – sind Manipulationen in einer weiteren Form überhaupt erst durchführbar. Die Kette der Verfehlungen und misslichen Umstände spinnt er dahingehend weiter, dass ausgerechnet die Schwiegermutter Beaflors sich, anders als so manch andere frisch gebackene Großmutter, gar nicht so recht über den dynastischen Stammhalter freut, denn ihr ist Beaflor suspekt und damit auch ihr Nachwuchs. Ferner sieht sie mit dem Hebel an der urmännlichen Angst vor einem Kuckucksei eine probate Möglichkeit die unliebsame Ehe zu hintertreiben.
Aber auch die charakterlichen Schwächen des Boten führen zur „kritischen Zuspitzung der Handlung“ in Mai und Beaflor. Die Bedeutung des Boten mache sein Versagen umso gravierender, so Horst Wenzel, galt es doch unbedingt zu verhindern, dass die Boten „Zeit auf ihrem Weg verbummeln, in schlechte Gesellschaft geraten, sich dem Weinrausch oder dem Glanz des Golds überlassen könnten.“
Das wäre alles halb so wild, obwohl der Bote genau all das tut: Er vertrödelt Zeit, wenn auch mit guten Absichten – Eliacha eine vermeintlich gute Nachricht zu überbringen – oder eventuell doch weniger altruistisch einen kleinen Extrabotenlohn mitzunehmen. Über die Verzögerung ist er sich auch im Klaren und versucht das wieder gut zu machen. Die von Wenzel angesprochene Trunksucht hat er am Vorabend unter Beweis gestellt und dass er korrupt ist, beweist er auf dem Rückweg: Beim ersten Treffen mit Eliacha hat er einen eit geschworen, dass er auch auf dem Rückweg wieder bei ihr vorbeischauen werde, wofür sie ihm reiche Geschenke versprach. Aber erst mit dem Zwischenstopp auf seinem Rückweg manifestiert der Bote seinen Fehler, der bis dahin noch weitgehend folgenlos geblieben wäre und ermöglicht Eliachas tödlichen Plan, denn Mais originale Antwort auf den gefälschten Brief ist von Liebe und Zutrauen in Beaflor bestimmt: er befiehlt, gut auf sie aufzupassen und möchte sich das ihm Zugetragene gerne mit eigenen Augen ansehen, denn richtig glauben kann er das nicht. Schließlich hat der Bote ihm gute Nachrichten angekündigt und berichtet, dass alle ob des geborenen Sohnes außer sich vor Freude seien. Außerdem ist sein Verhältnis zu Beaflor von bedingungsloser Liebe und Vertrauen geprägt. Darin wird ein Misstrauen gegen den Brief als Medium deutlich, zumal mit der Übergabe der Briefe durch den Boten ja gegensätzliche Informationen bei Mai ankommen. Da der Bote anders als ein heutiger Briefträger von den Umständen weiß, die zu seiner Aussendung geführt haben, wird die Kernproblematik an der verschriftlichten Botschaft deutlich: sie ist austauschbar. Dies scheint auch Mai klar zu sein, denn – man mag darin eine Vorsichtsmaßnahme erkennen – vom Inhalt seines Schreibens hat der Bote keine Ahnung, hier wird er endgültig zum reinen Briefträger: War er auf der Hinreise noch teilweise (er war auch Zeuge des der allgemeinen Freude) ein „living letter“, so ist er nun der „messenger“ , der ausschließlich den Willen einer anderen Person ausführt, nämlich derjenigen Person, die ihn schickt. Bis zur Rückkehr zu Eliacha ist das Mais Wille, danach allerdings der Wille der Mutter. Ein Bote sollte zwar immer nur die Botschaft des Absenders repräsentieren, doch genauso wenig wie der Bote Liebesbezeugungen Beaflors an Mai ausrichtet, so wenig wird Mai darauf verzichten, aufgrund der Ungeheuerlichkeiten, die er da lesen muss, auf Eindrücke eines Augenzeugen zu verzichten.
Das weiß der Bote aber nicht und beweist dadurch, dass er besser seinen Auftrag richtig ausgeführt hätte und dadurch auch nicht in die zwangsläufig eintretende Misslichkeit geraten wäre, nolens volens eidbrüchig zu werden.

5. Und wozu das Ganze?
5.1 Grenzen der Kommunikation und Konfusion

Auf die grundsätzliche Dimension des Konfusionspotentials weist Werner Röcke hin, wenn er schreibt, dass die schriftliche Nachricht Gewissheit, Objektivität und Wahrheit vortäusche, ohne sie in Wirklichkeit je erreichen zu können. Weiterhin heißt es da über die Gefahren der Schrift, diese bestünden im Umstand, „daß ihr Sinn verborgen oder gar verdreht werden und das Geschriebene in falsche Hände geraten könnte.“ Neben der dramatischen Verleumdung (der trotz der im Mittelalter verbreiteten Abergläubigkeit schwer zu glaubenden Geburt eines Wolfsjungen aus dem Schoße einer edlen Frau) sind es auch bestimmte Borniertheiten auf Seiten der Adligen, die ihre Kommunikation beziehungsweise die Aufklärung der Intrige erschweren. „In Gesellschaften mit insgesamt geringer Ausdifferenzierung und gleichwohl ausgeprägten Kommunikationsschranken zwischen den Gruppen wird man von einem hohen Vertrauenspotential systemintern und einem ebenso hohen Misstrauenslevel systemextern ausgehen können.“ Dementsprechend glaubt Mai zum Teil den Verleumdungen im Brief, den er von Cornelius und Effreide zu erhalten glaubt, als das Ganze sofort und vollständig als Märchen zu durchschauen, da der Bote als Zeuge ja erwähnt, welche Umstände denn seinen Weg zu ihm bereitet hätten. Trotz des vielfach betonten Vertrauens in die Liebe zu Beaflor gibt er einen Hinhaltebefehl, um sich die Sache mit eigenen Augen zu betrachten. Doch aus dem Hinhalte- wird durch den Austausch in Claremunt ein Hinrichtungsbefehl. Da hilft auch kein Rest an Vertrauen.
Noch interessanter wird es, als der Bote mit der wiederum gefälschten Antwort Mais zu Beaflor und den Grafen zurückkehrt. Die Grafen können nicht lesen und müssen sich erst einmal einen Schriftkundigen suchen, der ihnen das Geschriebene vorträgt und dazu auch bereit ist. Den vermeintlichen Auftrag ihres Fürsten, Beaflor und das Kind umzubringen, nehmen sie so ernst wie die vernommene Drohung, im anderen Falle ihre Familien zu ermorden und sinnen gemeinsam mit Beaflor über einen Ausweg aus dem Dilemma nach. Der Bote hat hiermit nicht das Geringste zu tun, er war schon auf dem Hinweg bar jedes Wissens über den Inhalt der von ihm transportierten Briefe – sonst hätte er sicherlich versucht, dem Ganzen Einhalt zu gebieten. Und die Adressaten nehmen das Geschriebene als gültig an, schließlich sehen sie im Brief eine Repräsentation des vermeintlichen Absenders.
Diesen Umstand macht sich Eliacha zu Nutze und darin ist sie ganz Kind ihrer Zeit. Normalerweise erkennen die literarischen Figuren im mittelalterlichen Romankontext häufig die Person des Absenders in der Art und Weise wie der Brief geschrieben ist – dies ist ein gängiger Topos. Dem kann hier aber nicht so sein, denn für „den Fortgang der Erzählung selbst [sind] die Gefahren der Nachrichtenübertragung jedoch entschieden wichtiger als die Gefährdung des christlichen Abendlandes“ , die nur wenig Raum einnimmt. Und damit die Intrige nicht durchschaut wird, sind die hier agierenden Romanfiguren nicht ganz so stark idealisiert und mit seherischen Fähigkeiten ausgestattet. Darüber hinaus sind sämtliche Figuren bei dieser Konfusion in einem logischen Dilemma gefangen, „weil ein Nuntius als der über seine Grenzen hinaus verschobene Körper des Fürsten weder etwas eigenes sagen, noch etwas eigenes tun kann, hängt entsprechend die Aufrichtigkeitsbedingung auch nicht von ihm ab, sondern von der Vorschrift seines Mandats.“ Und da sich Eliacha in beiden Fällen dazwischenschaltet und die „diskursive Ohnmacht“ ausnutzt, entsteht eine, erst im Aufeinandertreffen der intentional Korrespondierenden Mai und Beaflor Jahre später auflösbare Situation, in der in der Begegnung von Angesicht zu Angesicht „das Wort des Grafen seine Gültigkeit zurück“ gewinnt.

5.2. Wandel der Botenrolle

Wenn der Bote, der von Göhler als der dritte Teilnehmer in einer romantischen Zweierbeziehung auf Distanz bestimmt wird, die Erfüllung seines Auftrags verfehlt, ist das das Eine. Das Andere ist die Tatsache, dass der Brief im Laufe der Erzählung den Boten ersetzt und so gewissermaßen den medialen Wandel dieser Zeit illustriert. Die Warnungen vor dem Einsatz eines bestechlichen und trinkfreudigen Boten deckt sich, wie Wenzel feststellt, weitgehend mit den Formulierungen im Secretum Secretorum. Und diese werden umso wichtiger, je mehr die intendierte Botschaft aus dem Botenkörper externalisiert wird. An mehreren Stellen kommentiert der Autor, welches Leid und Unglück über all die unvorsichtigen Teilnehmer dieses verzerrten Diskurses kommt, da sie einen unzuverlässigen Helfer einsetzen, dessen Verfehlungen durch die Entwicklung weg von der Mündlichkeit und hin zur Schriftlichkeit nur umso gravierender werden.
Die Gefahren der Verschriftlichung sind im Roman der Ausgangspunkt aller folgenden Verwicklungen, so dass man die Fabel vom unzuverlässigen Boten als eine Ausgestaltung des Secretum Secretorum begreifen kann. Dass zum Zeitpunkt der Entstehung nur Gebildete lesen können und nicht jeder Adlige gebildet genug zu sein scheint, gefährdet die Kommunikation über größere Entfernungen zusätzlich. Ob es angemessen ist, einen Briefträger gewordenen Boten, wie im Buch geschehen, mit dem Tod zu bedrohen, erscheint aus heutiger Sicht kaum verständlich. Im Kontext der sich erst herausbildenden Standards zur Übertragung und Sicherung der Inhalte wird aber umso deutlicher, wie viel wichtiger die penible Auswahl eines geeigneten Kandidaten für das Botenamt wird. Je weiter sich die Botschaft aus dem lebendigen Zeugen in die unbelebte und auch neutrale Schrift verlagert, umso wichtiger wird der Aspekt der Botenmission, für die Unversehrtheit der Information verantwortlich zu sein.
Dass die persönliche Repräsentation, wie zuvor in der mündlichen Kommunikation noch gewohnt, durch einen Briefträger allmählich inadäquat wird – dieser Aspekt der Entwicklung scheint in Mai und Beaflor zunehmend durch.
Dass der ‚gute’ Bote mündlich überliefert, während ein weniger guter Briefe hin- und herträgt, mag als Zufall durchgehen, man kann es als konservatives Moment in einem Prozess des Wandels begreifen oder auch schlichtweg als Mahnung, ein wenig vorsichtiger zu sein.

5.3. Didaktischer Nutzen

Diese sehr mittelalterliche Problemlage ist, obwohl mit aktuellen Bezügen reichlich ausgestattet, vom Autor ins antike Rom verlagert worden: in die Zeit der Könige. Diesen Zusammenhang fiktionalisiert die gesamte Dichtung zwar, jedoch darf dürfte sich der Zeitgenosse des 13. Jahrhunderts durchaus angesprochen gefühlt haben. Der mediale Wandel in der Art und Weise, wie ein Bote genutzt wird, passt dazu ausgezeichnet. Der Autor von Mai und Beaflor führt seiner Leserschaft dabei vor Augen, was alles passieren kann, wenn man sich schlechter Werkzeuge, mehr ist der Bote wohl kaum, bedient.
Die aus den Verfehlungen des Boten resultierende Störung der intendierten Kommunikation ermöglicht erst die Intrige der Eliacha und führt in der Folge zu einer gestörten Beziehung zwischen Volk und Herrscher und damit zu einer Störung der gottgewollten Ordnung. Diese endet beinahe mit einem Aufstand und kann nur in letzter Sekunde bewahrt werden, als die Intrige auffliegt. Der Muttermord an sich ist eine, sich aus der Zuspitzung dieser Situation ergebende Sünde, die mit einem etwas akkurater arbeitenden Boten so nicht entstanden wäre. Das Frau und Kind wenn schon nicht umgebracht, so doch de facto verbannt werden, gefährdet den Fortbestand der Dynastie und somit wiederum die ‚gerechte’ Ordnung. Das der Fürst in seiner Trauer durchaus in seinem Urteilsvermögen beeinträchtigt ist, ist ein weiterer gefährlicher Faktor. Nicht zuletzt zwingt die Störung der Kommunikation mit der falschen empfangenen Botschaft die Grafen Cornelius und Effreide, die sich daraufhin in einer wahrlich unangenehmen Situation befinden, schlussendlich zum vermeintlichen Lehensbruch gegenüber Mai, die aber durch die Auflösung der gesamten Situation keine praktischen Konsequenzen mehr hat. Für sich genommen ist der Lehensbruch aber ein schwerwiegendes Vergehen, das in der feudalen Ordnung als solches das gesamte Herrschaftssystem gefährdet.
Dies lässt sich auch über die Handlung im Text insgesamt sagen: ein einziger schlecht gewählter Bote kann das gesamte Herrschaftssystem gefährden. Dem entsprechend ist dieser gewissenhaft auszuwählen. Die starke Zuspitzung der Handlung ist ein erhobener Zeigefinger, die fiktionalisierte Situation eine Mahnung und Mai und Beaflor ein „didaktischer Text, de zunächst ein adliges Publikum ansprach.“ Dem Argument, dass die Handlung doch ein wenig arg fiktiv sei, kann entgegengestellt werden, dass dieser Modus nötig sei, „weil im Modus der Fiktionalität, im Modus der Darstellung dessen, was ‚sein könnte’, Modelle vorführbar sind.“ In letzter Konsequenz führt das dazu, „daß die Botschaften, wenn sie von der Kontrolle des Schreibers abgelöst und herausgelöst werden aus den Grenzen eines gültigen Diskurses, manipulierbar sind und daß diese Manipulierbarkeit (…) zu einer Frage von Leben und Tod werden kann.“ Dazu bemerkt Werner Röcke, dass der Typus nicht-personaler, über die Schrift vermittelter Kommunikation als Gegensatz zum Typus personaler Kommunikation und daraus erwachsenden Vertrauens aufgefasst werden könne, die die Romanfiguren Mai und Beaflor zuvor praktizierten und vermutlich auch bis zum Ende ihrer Tage weiterpraktizieren werden, denn das sollten sie nach all den Verwicklungen wirklich gelernt haben. Zwar werde, so Röcke weiter, „hier allerdings die nicht-personale Kommunikation nur dämonisiert“ , dabei ist aber davon auszugehen, dass sich dies einerseits durch didaktische Intentionen des Autors erklären lässt, andererseits eventuell einen Reflex auf verbreitete Stimmungen in der Zeit eines medialen Wandels darstellt. Die Bedeutung des Romans liegt unter anderem darin, dass er „unterschiedliche Modelle sozialer Kommunikation miteinander verbindet, ihre Leistungen, aber auch ihre Gefahren und Aporien aufzeigt, mithin die Weltbilder nicht nur reproduziert, sondern dialogisiert und überprüfbar macht.“

6. Resümee

In der vorliegenden Untersuchung ist über eine Betrachtung des Romans Mai und Beaflor und darin besonders am Beispiel Beaflors deutlich geworden, wie innerhalb des Adels eine große Bereitschaft zum Vertrauen idealisiert vorhanden war. Inwieweit dies mit der überlieferten Wirklichkeit übereinstimmt, dies herauszufinden wäre Aufgabe einer anderen Untersuchung.
Weiterhin ist auffällig, dass ein starkes Vertrauen in die göttliche Weltordnung durchscheint, wenn völlig unwahrscheinlich die große tragische Auflösung der Situation ausbleibt und stattdessen jeder erhält, was er verdient. Dabei werden im bekannten Crescentia-Stoff Akzente dahingehend verschoben, dass die Botenfabel einen zentralen Platz einnimmt, was als bildhafte und packende Ausgestaltung von Verhaltensrichtlinien wie dem Secretum Secretorum eine didaktische, an das adlige Publikum des späten 13. Jahrhunderts gerichtete Dimension annimmt.
Das an vielen Stellen positive, funktionierende Beispiele negativen gegenübergestellt werden, ist einerseits als Ausdruck vorherrschender Ideale zu verstehen, zeigt aber auch die Gefahren auf, die ein Misslingen der Fernkommunikation unter den Gegebenheiten der mittelalterlicher Lebensumstände haben kann. Die für diese Arbeit zentrale Gegenüberstellung einer funktionierenden und einer manipulierten, also im ursprünglich intendierten Sinne misslungenen Übermittlung von Botschaften mit den sich (beinahe) ergebenden Konsequenzen fundamentaler Natur weist unmittelbar auf einen Wandel der Kommunikationsgewohnheiten Ende des 13. Jahrhunderts hin.
Die dabei sicherlich geführten Diskussionen über das Für und Wider der einen oder anderen Kommunikationsart erinnern sicher nicht zufällig an einen medialen Wandel in einer anderen Epoche, nämlich unsere Ära des Computers und der weltweiten Kommunikation über das Internet. In unserer Zeit treten Probleme wie Manipulation von Bildern und Informationen in vorher nie gekanntem Ausmaß auf – auch weil die Möglichkeiten Bahn brechend sind. Die Folgen dieser Manipulation, diesmal teilweise weltweit, sind manchmal banal und erheiternd, manchmal schwerwiegend. Insofern könnte es interessant werden, einen diachronen Vergleich der Kommunikationsformen anzustellen. Dies müsste die Möglichkeiten und Methoden, Informationen zu überprüfen, und die Konsequenzen, die sich aus einer unterlassenen Überprüfung ergeben, mit einbeziehen. Der eine oder andere interessante Zusammenhang zwischen ‚damals’ und ‚heute’ würde dabei sicherlich zu Tage treten.

Ja, dieser Text hat auch Fußnoten und eine Literaturliste. Aber die machen viel Arbeit und außerdem gibt es diese Arbeit auch schick gelayoutet hier oder hier. Weil ich aber nicht nur ein mieses und verachtenswertes Kapitalistenschwein bin, kann man mir auch eine Mail schreiben – schaut doch mal Impressum nach. Da freut sich zwar nur mein Ego, aber das ist ja auch schön.

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