02.06
Dieser Text entstand nach der anregenden Lektüre eines Textes, den Werner Liersch am 21.2.2003 im Magazin der Berliner Zeitung veröffentlichte, und er entstand für die Uni. Aus beiden Gründen enthält der Text Zitatnachweise.
Beamtete Leser: Der Fall Boris Djacenko
Karl Heinz Berger schrieb im Juni 1986 über Boris Djacenko ein bewegendes Geleitwort für dessen Roman Herz und Asche. Mehr als dreißig Jahre waren seit der Erstveröffentlichung des Buches vergangen, das, 1954 erschienen, in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre mehrere Auflagen erlebte. Seinerzeit ein veritabler Erfolg, verstaubt es heute in Antiquariaten. Als Berger das Nachwort schrieb, war Djacenko schon über elf Jahre tot.
Gestatten
Boris Djacenko war lettischer Herkunft, wurde aber 1917 im estnischen Tallinn geboren. Er studierte Philosophie in Riga, wurde wegen politischer Tätigkeit exmatrikuliert, verdingte sich als Fischer und Matrose und gelangte schließlich nach Rotterdam, von wo aus er mehrere europäische und nordafrikanische Länder durchwanderte. 1940 wurde er in Paris wegen Verteilung linker Flugblätter verhaftet und interniert – Djacenko war bis dahin illegal in Frankreich, auch war mittlerweile der zweite Weltkrieg ausgebrochen und im besetzten Frankreich ein Kollaborationsregime installiert worden. Djacenko wurde vom Lager “Le Vernet” nach Deutschland deportiert. Dem Dasein als Fremdarbeiter versuchte er sich durch Flucht zu entziehen. Der Angriff auf die Sowjetunion machte diese Pläne jedoch zunichte und Djacenko wurde wiederum verhaftet. Nach erneuter Flucht schlug er sich mit Hilfsarbeiten durch und schloss sich später dem Widerstand und dann den Sowjettruppen beim finalen Sturm auf Berlin an.

Der vielsprachige Djacenko wurde nach dem Krieg kommissarischer Bürgermeister eines brandenburgischen Dorfes und ließ sich schließlich in Berlin als Übersetzer und freischaffender Schriftsteller nieder. Er schrieb Novellen, Kurzgeschichten, Bühnenstücke, (unter dem Pseudonym Peter Addams) Krimis, Erzählungen und Romane in deutscher Sprache. Einer dieser Romane, sein populärster, Herz und Asche erschien 1954. Nicht erschienen ist die Fortsetzung von Herz und Asche, die Djacenko 1958 veröffentlichen wollte. “Er lag bereits im Satz vor, ist jedoch nicht erschienen”(1), so Karl Heinz Berger anlässlich der Neuauflage 1986 in der DDR. Zwei Jahrzehnte später muss man es so sagen: Der Roman fiel der Zensur zum Opfer und mit ihm ein gutes Stück weit sein Verfasser. Djacenko starb am 14. April 1975 allein in einer Wohnung in Berlin-Adlershof. 1977 ist er noch ein kleiner Eintrag im Lexikon und Herz und Asche ist ein Roman, nicht zwei. (2)
Wenig bekannt
Seneca wird der Satz zugeschrieben, derjenige sei arm, der viel wünsche, nicht der, der wenig habe. Darin erinnert man sich, wenn man über das Leben und Werk Boris Djacenkos arbeitet. Es findet sich wenig Material, aber das hat es in sich. Besonders hervorgehoben muss dabei der Text Der Fall Djacenko oder Die Panne werden, der diesem Essay in mehreren Punkten zugrunde liegt. Darin schildert Werner Liersch den Kampf Djacenkos mit dem Zensurapparat und berichtet aus der Schriftstellerkolonie Kolberg, wo die beiden Nachbarn waren. Außerdem besitzt er eines der wenigen gebundenen Exemplare der Druckfahnen des zensierten Romans. Der Verfasser habe wohl gedacht, Liersch sei ein bewahrender Mensch, so mutmaßt der Beschenkte. (3) Djacenko hat Recht behalten.
Auch ein anderer Schriftsteller hat über Djacenko – der schon zu spät für die mittelosteuropäischen Hoffnungen des Jahres 1956 dran war – geschrieben. Der ‘Beeskower Burgschreiber’ Henryk Bereska erinnert sich an Boris Djacenko so: “Seine Stimme kannte überhaupt nur zwei Tonarten, einen schrillen Diskant, wenn er jemanden zu überzeugen versuchte oder sich über etwas mokierte, und einen sonoren Wohllaut, wenn die Überzeugungsarbeit versagte und er den Partner einlullen musste.”(4) Bereska wurde neugierig auf diesen “selbstsicheren, despotischen Typ”(5), der damals vor ihm stand. Djacenko “gehörte zu den vielversprechenden Autoren des Verlags Neues Leben, viele sahen in ihm einen neuen Balzac, sein Roman ‘Herz und Asche’ Band 1 hatte Riesenauflagen. Zur Zeit schrieb er am Band 2. Das Problem war: Band 1 behandelte die Zeit bis 1945, war also ideologisch unproblematisch, Band 2 aber begann im Mai 1945. Einmarsch der Roten Armee. Und Boris gehörte nicht zu den Autoren, die die Realität verklärten.”(6)
Eine vertrauensvolle Zumutung
Dieser Autor, der die Realität nicht verklärte, war überzeugter Antifaschist; auch die Tatsache, dass er in der Sowjetischen Besatzungszone nicht nur als Mitglied der Sowjettruppen und als kommissarischer Bürgermeister agierte, sondern auch in der DDR blieb, hat mit Sicherheit Gründe. Boris Djacenko wird diesem Land, dass vielleicht damals in seinen Augen nur ein Versuch war, vertraut haben, jedenfalls genug, um hier eine Familie zu haben, 1954 wurde ihm ein erstes Kind geboren. Erstmals ist einer seiner Romane veröffentlicht worden. Er lernte Erwin Strittmatter, seinerseits zu dieser Zeit ebenso erfolgreich, kennen, überstürmisch spricht man von Freundschaft, Liersch berichtet, man habe sogleich die Hemden getauscht.(7) Im Jahr, als Stefan Heym auf dem IV. Schriftstellerkongress öffentlich Walter Ulbricht widersprach, Chruschtschow mehr oder weniger heimlich mit Stalin abrechnete und die Dinge in Polen und Ungarn in Bewegung gerieten, begann Djacenko mit der Fortsetzung von Herz und Asche. Diesmal stand das Erleben des Kriegsendes und der unmittelbaren Nachkriegszeit durch die beiden Hauptfiguren Igor Pertuschow und Carla Lautenschläger im Fokus. In diesem Fokus bündelte sich eine Menge Licht, dass Djacenko auf zwei heikle Themen wirft. Pertuschow spricht mit einem Besatzungsoffizier und diskutiert mit ihm über den Gulag, Lautenschläger, die Pertuschow Ende des ersten Teils im KZ ein Kind gebar, wird von einem Rotarmisten vergewaltigt.
Djacenko schrieb zwei Jahre am Manuskript, die meiste Zeit in seiner Hütte in Kolberg, fernab der großen Politik, auch der Gesellschaft. Dass Djacenko der DDR dieser Zeit derartige Themen zutraute, mag man beurteilen, wie man will, wichtig ist aber auch, dass er Erklärungmodelle für diese heiklen Themen mit in den Roman einarbeitet. Die Auseinandersetzung über den Gulag kleidet er in eine längere Diskussion. Diese entspinnt er zwischen dem Ingenieur Pertuschow, der als Zwangsarbeiter nach Deutschland kam und im Widerstand landete, und dem Offizier Tirmulanow, der in Moskau am Tribunal teilgenommen hatte, das einen, beiden bekannten Historiker für fünfzehn Jahre verbannte. Lagin, so hier der Verbannte, habe geredet, wo alle anderen schwiegen und er war in Straßburg geblieben und erst später in die UdSSR zurückgekehrt. So einfach das fiktive Verbrechen, so überzeugend erscheint Djacenkos Argumentation, die er Tirmulanow in den Mund legt:
“Aber noch mehr dachte ich daran, was mit unserem Staate geschehen würde, wenn wir Menschen wie Lagin freisprächen. Was würden da die Soldaten an der Front sagen? [...] Sie alle geben das Letzte her, damit wir diesen Krieg bestehen [...] Nein, Pertuschow! Wer nicht bereit ist, auf sein Glück zu verzichten, wo nicht nur das Glück, sondern das nackte Leben auf dem Spiel steht, der darf auf keine Nachsicht hoffen. Die Revolution ist unbarmherzig, und sie muß es sein. Sie nimmt um so weniger Rücksicht auf den einzelnen, je mehr Opfer sie von allen fordert. Wird sie bedroht, darf sie niemanden dulden, der sie gefährdet. Und sie ist immer im Recht, so sehr auch der einzelne ihre Vergeltung als Unrecht empfinden mag. Verzicht ist ihre Grundtugend, wie die Bereitschaft, in den Tod zu gehen, die Grundtugend des Krieges ist…”(8) Ersetzte man in diesem Ausschnitt ‘Revolution’ durch ‘Partei’, so schwant einem, was Djacenko der jungen Republik zumutete – oder sich selbst.
Djacenko schildert auch die Vergewaltigung der Figur Carla Lautenschläger durch einen Rotarmisten, jedoch fanden die Besatzungsgräuel der Deutschen in der Sowjetunion in diesem Zusammenhang eine funktional relativierende Erwähnung, der misshandelnde Soldat wird zum Tode verurteilt, jedoch begnadigt, da er aus der Heldenstadt Leningrad kommt. Dies alles wird Djacenko aber nichts nutzen, denn die “Schrecken der Befreiung durch die rote Armee wurden von der Zensur entschiedener als irgendein anderes Thema tabuisiert.”(9)
Gegenwind
Als die Tauwetter-Periode schneller als erwartet beendet war und Imre Nagy längst hingerichtet, beendete Djacenko seinen Romanentwurf und reichte ihn ein. Niemand, so konstatiert Liersch, habe zwischen 1956 und 1957 ähnliches geschrieben.(10) Doch es scheint nicht nur Djacenko der Gesamtentwurf akzeptabel zu sein, auch der Verlag Neues Leben stimmte zu, die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel als Zensurbehörde (11) griff nicht ein und die Neue Berliner Illustrierte begann mit dem Vorabdruck. Technisch lief die Sache, aber in der Partei gingen die Alarmlampen an. Hier herrschte neuerdings wieder ein eisiger Wind, der mit Djacenkos ‘heißer Prosa’ gelinde gesagt überhaupt nichts anfangen konnte. “Keine einzige Vergewaltigung hat beim Einmarsch der Roten Armee stattgefunden.”(12) Am 13. Januar 1958 druckte man in Pößneck den zweiten Umbruch der Bögen, aber gebunden wurden diese Bögen nicht mehr – bis auf zwei, drei Exemplare. Djacenko trifft das ohne Vorwarnung.
Am 18. Januar 1958 begann das Gutachten eines G. R. Fritz aus der Kulturabteilung des Zentralkomitees der SED mit den Worten: “Nach einer eingehenden Überprüfung des mir übergebenen Umbruchexemplars des II. Bandes von Boris Djacenkos Roman Herz und Asche bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß dieses Buch auf gar keinen Fall in der vorliegenden Form erscheinen kann.”(13) Weiterhin wird auf den angelaufenen Vorabdruck aufmerksam gemacht und eine Liste von Stellen aufgeführt, die die “jahrelange ‘Vergewaltigungs’-Hetze der westlichen Schmutzpresse unterstützt bzw. bestätigt.“(14) Man werde sich westlich der Mauer sicherlich darüber freuen. – Es liegt der Verdacht nahe, dass dies nicht der Absicht Djacenkos entsprach: Seine Zumutung im Vertrauen auf die Stärke der DDR wird durch die parteiseitige Reaktion zum Ausweis der Schwäche, deutlich wird dabei vor allem die Grenze dessen, was wahr sein darf.
‘Heldenhaft’?
‘Auf Wunsch des Autors’ wurde der Vorabdruck abgebrochen, Djacenko soll sein Manuskript zurückgezogen haben – gelogen war das, keine Frage, doch Djacenko kämpfte. Auch wandte er sich an den alten Freund Strittmatter, doch der beschied ihm am 17.2.1958 brieflich, dass ihn seit Brechts Tod nicht so mitgenommen habe wie nun das Versagen Djacenkos; die gemachten Fehler seien nicht nur politischer und ideologischer Natur und auch wenn Djacenko gescheit von Kunst redete, habe er mit diesem Buch keine gemacht. Djacenko solle froh sein, dass das Buch aus ideologischen Gründen gestoppt wurde (die berechtigt seien, fügt der Schreiber hinzu), sonst würde er sich künstlerisch blamiert haben, so Strittmatter.(15) Vier Tage später widersprach der so Abgekanzelte mit dem Verweis, dass Strittmatters Meinung sich augenscheinlich komplett gewendet habe, frühere Briefe nach der Lektüre der Entwürfe wären voll des Lobes gewesen.(16) Was Djacenko nicht einsehen konnte, war die Tatsache, dass der Fall seines Romans ein deutliches Zeichen an alle Schriftsteller setzen sollte: Das Tauwetter ist vorbei. Und Djacenko hatte den Anlass geliefert. Auch wenn Strittmatter sich hier wand, ist dem Schreiben eines explizit zu entnehmen: Das Buch wurde aus ideologischen Gründen aus dem Verkehr gezogen, Kunst hin oder her: künstlerische Blamage ist keine Sorge der Zensur. Und Strittmatter hat die Zeichen auch zu deuten gewusst.
Djacenko wurde am 1. April zur Aussprache beim Vorstand des deutschen Schriftstellerverbandes eingeladen. Die Entscheidung war vorher schon gefallen, hinterher las man in der Zeitung, dass der Vorstand das Manuskript für “historisch unwahr und künstlerisch unzulänglich halte”(17) – eine Formulierung wie die von Strittmatter. Der Autorenvertreter im Gremium verlangte noch eine zusätzliche Zensur in der Zensur, denn Verlag und ministeriale Hauptverwaltung hätten hier versagt. Das Zeichen war wohl angekommen. Nur Djacenko kämpfte weiter. Sein vorbereiteter Schlusssatz beim Aprilscherz einer Aussprache lautete:
“Also stehe ich zu dem Buch, wie ich es geschrieben habe, aber da nichts so gut gemacht werden kann, daß man es nicht besser und richtiger machen könnte, bitte ich um ihre Bemerkungen.”(18)
Die Bemerkung war deutlich, ein historisch unwahres Buch konnte oder durfte auf keinen Fall gedruckt werden, ein künstlerisch mangelhaftes hätte man getrost dem Urteil des Lesers überlassen können. Strittmatter sprach im Juni davon, dass er trotz angeblicher Zensur schreibe, wie es heraus komme, Djacenko übte keine Selbstzensur. Er blieb standhaft, aber war er ein Held? – Er blieb bei seinem Standpunkt und kämpfte, ein Gewinner war er nicht.
Das Ende der Geschichte
Ein ganzes Jahr wurde im Verlag Neues Leben diskutiert, bis Djacenko seinen Standpunkt brieflich festlegte und sich ein weiteres Hineinreden bis in Details hinein verbat. Ferner verlangte er ein Drittel seines Honorars; wenigstens diese quantitative Sicht der Dinge kann als konform zur DDR-Verlagspraxis betrachtet werden. Mit der Zahlung des Geldes formulierte der Verlag die Aufgabe, dass das neue, überarbeitete Manuskript so zu gestalten sei, dass bei den jungen Lesern der DDR die Liebe zur Sowjetunion und die Achtung vor den Leistungen der Sowjetarmee vertieft werde. (19) Ein unmögliches Unterfangen war das, und so wurde das Manuskript 1961 an den Mitteldeutschen Verlag in Halle übergeben, wo die Zensur durchgesetzt werden sollte. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass am 21. März 1960 eine neue, geheime Zensur-Richtlinie in Umlauf kam, in der neben der Festlegung von drei Zensurstufen auch die Bemerkung zu lesen ist, dass “ernste, ideologische Fehler [...] in letzter Zeit häufiger aufgetreten” (20) seien. Die Hauptursache für derlei wurde darin gesehen, dass “sorglose, nicht parteiliche Herangehen an die Begutachtung und ist ideologischer Natur [...] Dabei ist vom Grundsatz auszugehen, daß sich die staatliche Kontrollfunktion in erster Linie auf die politisch-ideologische Richtigkeit und Nützlichkeit literarischer Arbeiten erstreckt [...] Fragen der künstlerischen Gestaltung und des ästhetischen Gehalts müssen Gegenstand der täglichen praktischen Arbeit des Sektors sein, wobei sie den vorgenannten politischen Gesichtspunkten unterzuordnen sind.”(21)
Ob hier von einer ‘Lex Djacenko’ zu sprechen ist, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden, aber ganz ohne Einfluss auf die verschärfte Zensurpraxis kann dieser Fall nicht gewesen sein, dazu sind die Parallelen zu deutlich.
Djacenko wies die Kritik immer deutlicher zurück, die verschärfte Zensurpraxis sowieso, Ende 1961 schließlich mit dem Satz:
“So viel möchte ich in aller Deutlichkeit feststellen: mich als Autor des Mitteldeutschen Verlages gehen weder irgendwelche Beurteiler an, noch irgendwelche Augen, die über die Kritik hinaus argwöhnisch sind.”(22)
Djacenko hat unter den verschärften Bedingungen – nicht mit Diskant und auch mit Schmeichelei nicht – keine Chance. Anfang 1963 war er das Drohen, das Briefeschreiben und alles Kämpfen leid, er wirft hin: Es gebe “für jedes Buch nur ein wahrhaftes, dauerhaftes gültiges Kriterium. Die Stimme des Lesers. Über dieses Kriterium hat sich noch nie ein Buch hinweggesetzt und selbst wenn es Bücher gäbe, die Götter mit höchstem Entzücken, Lastträger, Lehrer, Straßenbahnschaffner aber mit Gleichgültigkeit lesen würden, dann wäre solch ein Buch auf Erden so tot wie ein ausgestopfter Papagei.”(23)
…
Danach produzierte Djacenko unter Pseudonym Krimis, der erste hieß treffend Das geborgte Gesicht.
Das andere Buch ist fast vergessen, der Prosaautor Djacenko laut Werner Liersch Geschichte, während der selten gespielte Dramatiker ein Fall für heute sei. (24) Über die literarische Güte eines nicht publizierten Buches zu streiten, ist müßig, die Geschichte mit der in ihr enthaltenen Entwicklung geht über das Anekdotische jedoch hinaus. Karl Heinz Berger hat sich geirrt und das Buch wird wohl nicht mehr veröffentlicht. Djacenko war der erste der ernstzunehmenden deutschen Autoren, der eine Deutsche im 20. Jahrhundert auch Opfer sein lassen wollte und sie bewusst in den historischen Zusammenhang stellte, damit taten und tun sich viele schwer; das Thema war lange keines. Die Zeit ideologischer Gutachten wie im Falle Djacenkos sollte auch nach der Einheit nicht vorbei sein, auch
“heute werden politische und literaturkritische Verdammung gern verquickt, ob im Fall des “Vorlesers” oder der neuen Grass-Novelle “Im Krebsgang”, die von der Versenkung des deutschen Flüchtlingsschiffs “Wilhelm Gustloff” im Januar 1945 mit rund 9000 überwiegend zivilen Opfern berichtet. Natürlich darf und muss es unterschiedliche Kritikermeinungen geben, auffällig bleibt doch die Kombination von politischem Unbehagen und der Behauptung der literarischen Unwürdigkeit des Gegenstands.” (25)
Heiner Müller schrieb Anfang der siebziger Jahre ein Gedicht Kulturpolitik nach Boris Djacenko, das erst 1992 gedruckt wurde. Darin heißt es zum Schluss:
“[...]
In der Zukunft sagte Boris Djacenko
Werden die verbotenen Bücher gebunden werden
IM INTERESSE UNSERER
GEMEINSAMEN SACHE
In Leder gegerbt aus den Häuten der Schreiber
Halten wir unsere Häute intakt sagte Boris Djacenko
Damit unsre Bücher in haltbarem Einband
Überdauern die Zeit der beamteten Leser.”
Zitatnachweise
(1) Berger, Karl Heinz Berger, Ein Leben – nicht nach der Elle der Alltäglichkeit, in: Djacenko, Boris, Herz und Asche, Neuauflage, Berlin 1987, S. 5-8, S. 8.
(2) Vgl. Meyers Handlexikon Bd. 1 A-La, hrsg. v. H. Göschel u. a., Leipzig, 1977, S. 263f.
(3) Vgl. Liersch, Werner, Der Fall Djacenko oder Die Panne, in: derselbe, Geschichten aus dem Antiquariat, Leipzig, 2004, S. 87-102, S.101.
(4) Bereska, Henryk, Notate aus dem literarischen Fundus. Lesekostproben von Beeskows Burgschreiber Henryk
Bereska, Tagebuchnotizen Teil 1, URL: http://www.henryk-bereska.de/pages/texte/tagebuchnotizen_1.htm
(5) Ebd.
(6) Bereska.
(7) Vgl. Liersch, Werner, Unerwünschte Vergewaltigungen. Der Fall Djacenko: Wie ein unbequemes Buch verboten wurde und Erwin Strittmatter eine Wende vollzog, in: Magazin der Berliner Zeitung Nr. 21 v. 25./26. Januar 2003, S. 1f., S. 2.
(8) Für alle Djacenko-Zitate sind einem der beiden Liersch-Texte entnommen. Hier: zitiert nach Liersch, Panne, S. 90f.
(9) Lokatis, Siegfried, Ein heimlicher Stalin-Diskurs in der DDR. Die Zensur sowjetischer Kriegsromane beim Verlag “Volk und Welt”, in: Zeitgeschichte-online, Thema: Die Russische Erinnerung an den ‘Großen Vaterländischen Krieg, Mai 2005, S. 7
(10) Vgl. Liersch, Vergewaltigungen, S. 2.
(11) Vgl. Lokatis, S.7.
(12) Bitte sarkastisch zu lesen: Liersch, Panne, S. 92.
(13) Zitiert nach: Liersch, Panne, S. 92.
(14) Ebd.
(15) Vgl. Liersch, Vergewaltigungen, S. 2.
(16) Vgl. ebd.
(17) Zitiert nach: Liersch, Panne, S. 94.
(18) Zitiert nach: ebd.
(19) Vgl. Liersch, Vergewaltigungen, S. 2.
(20) Grundsätze zur Verbesserung der Begutachtung im Sektor Schöne Literatur des Ministeriums für Kultur, Entwurf 21. März. In: BArch, Aktentitel Gutachtertätigkeit 1960-67, Sign. DR-1 – 1949, 14 Bl., zitiert nach: Judt, Matthias (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten. Beschlüsse, Berichte, interne Materialien und Alltagszeugnisse, hrsg. v. d. Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe, Bd. 380, Bonn, 1998, S. 358.
(21) Ebd., S. 359.
(22) Zitiert nach Liersch, Vergewaltigungen, S. 2.
(23) Zitiert nach Liersch, Panne, S. 96.
(24) Vgl. Liersch, ebd., S. 98.
(25) Hage, Volker, Autoren unter Generalverdacht, in: Der Spiegel v. 06.04.2002.
Literatur und Websites
Albrecht, G. u. a. (Hg.), Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. A-K, Leipzig, 1967.
Bereska, Henryk, Notate aus dem literarischen Fundus. Lesekostproben von Beeskows Burgschreiber Henryk Bereska, Tagebuchnotizen Teil 1,
URL: http://www.henryk-bereska.de/pages/texte/tagebuchnotizen_1.htm (abgerufen am 5.1.2006).
Berger, Karl Heinz Berger, Ein Leben – nicht nach der Elle der Alltäglichkeit, in: Djacenko, Boris, Herz und Asche, Neuauflage, Berlin 1987, S. 5-8.
Hage, Volker, Autoren unter Generalverdacht, in: Der Spiegel v. 06.04.2002.
Judt, Matthias (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten. Beschlüsse, Berichte, interne Materialien und Alltagszeugnisse, hrsg. v. d. Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe, Bd. 380, Bonn, 1998.
Liersch, Werner, Der Fall Djacenko oder Die Panne, in: derselbe, Geschichten aus dem Antiquariat, Leipzig, 2004, S. 87-102.
Derselbe, Unerwünschte Vergewaltigungen. Der Fall Djacenko: Wie ein unbequemes Buch verboten wurde und Erwin Strittmatter eine Wende vollzog, in: Magazin der Berliner Zeitung Nr. 21 v. 25./26. Januar 2003, S. 1f.
Liste der Nachlassbibliothek Anna Seghers’ ist zu finden unter: www.adk.de/de/archiv/bibliothek/pdf/seghers-c.pdf (abgerufen am 5.1.2006).
Lokatis, Siegfried, Ein heimlicher Stalin-Diskurs in der DDR. Die Zensur sowjetischer Kriegsromane beim Verlag “Volk und Welt”, in: Zeitgeschichte-online, Thema: Die Russische Erinnerung an den “Großen Vaterländischen Krieg, Mai 2005.
URL: http://www.zeitgeschichte-online.de/zol/_rainbow/documents/pdf/russerinn/lokatis.pdf (abgerufen am 5.1.2006).
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