10.20
„Hilf den Alten. Steck sie nicht einfach in ein Grab.“ – Gestern war es mal wieder soweit: die unvergessliche LP „This Is Hardcore“ der britischen Band Pulp aus dem Jahre 1998 lärmte aus meinen Boxen. Na klar, ist älter, und ich merke, wie ich älter werde, wenn ich anfange Blogtexte über Platten zu schreiben, die a) älter als zehn Jahre sind und die ich b) live und in Echtzeit wahrgenommen (soll heißen: kurz nach Erscheinen gekauft) habe. Ist aber egal, dafür gibt es Blogs und natürlich liebe ich diese Platte, wahrscheinlich ist es sogar die erste Platte, die ich bewusst wahrgenommen und sofort geliebt habe, mit Erscheinen, fünf Sternen als Platte des Monats im Rolling Stone und deren Texte ich heute jederzeit auswendig mitsinge, wenn sie irgendwo läuft (…bin ich meist nicht fern.) Klar: passen würde altersmäßig auch „OK Computer“ von Radiohead – die jedoch fiel mir erst kurz nach dem musikalischen Höhepunkt von Pulp in die Hände. Klingt komisch, muss man hier aber mal sagen: Zu dieser Zeit war ich noch nicht ‚älter’ und CDs kamen nicht gleich zwei Tage nach Erscheinen bei einem an. Coldplays „Parachutes“ hingegen ist zwar wunderschön (und ich möchte mal jemanden kennenlernen, der noch nicht Sex dazu hatte), aber letztlich ein Abklatsch der Blaupausen, die Fran Healys Travis schon ein paar Monate zuvor mit „The Man Who“ abgeliefert hatten – plus guten Songs natürlich. Hört sich jedenfalls für meine schiefen Ohren so an und war damals (neben „Yellow“ natürlich der Grund, mir das Ding in Leipzig zu kaufen.) Also Pulp und „Hardcore“…
Ein großartiges Intro („Here comes the fear again, oh, the end is near again…“) definiert die großartigen Dimensionen dieser wahr gewordenen Popfantasie, um gleich in „The Dishes“ festzustellen, dass Jarvis Cocker nicht Jesus C. sei, obwohl er die gleichen Anfangsbuchstaben habe: „I’m not Jesus ’though I’ve the same initials, I’m the man who stays home and does the dishes“ … wer es kennt, nickt zustimmend, wer es noch nicht kennt
HÖRT.
JETZT.
SOFORT.
DIESE.
PLATTE.

(Werde ich mir wohl noch ein zweites Mal kaufen müssen.)
Aber der Wahnsinn ist erst zwei Songs alt! Wave-Synthies im etwas zu langsamen „Party Hard“, gefolgt von der ersten Single „Help the Aged“. Warum? „Cause one day you’ll be older, too.“ Natürlich feine Ironie und ätzender Zynismus aus einem Mund, und doch irgendwie ermutigend. Große Gefühle, wenn auch künstlich erzeugt. „This is Hardcore.“ Masturbationsfantasie. Musikgewordene Masturbationsfantasie. Mit schalem Beigeschmack. Wie passend. Große Geste, etwas zu viel. Quatsch, viel zu viel, aber ästhetisch ein Hammer. Immer und immer wieder. Und während man sich zum 52. Mal darüber freut, säuselt Jarvis Cocker schon weiter…
„Without you my life has become a hangover without end/a movie made for TV:/bad dialogue, bad acting, no interest,/ too long with no story an no sex./To wish the day would go away/just like you did yesterday.” – “TV Movie” ist einer der größten, mir bekannten Songs über dieses Gefühl, nachdem man verlassen worden ist, und hat neben der tollen Melodie auch ne Stelle, an der man mitpfeifen kann, was gerade den minderbemittelten Sängern unter uns sehr entgegenkommt. Immer und immer wieder. Und um dieses Bild zu bemühen (das mit dem Fernsehfilm ist natürlich klasse), so hemmungslos pathetisch und eindringlich der Song auch sein mag, man möchte verlassen worden sein, nur um dieses Dreieinhalb-Minuten-Liedchen angemessen würdigen zu können.
Was nun folgt, ist dann die Ansprache des Vaters, der an seinem Sohn seine eigenen Fehler erkennt und aufzeigt, selber aber schon resigniert hat: „…everybody’s telling me/you look like me/but please don’t turn into me./You look like me/but you’re not like me I hope./I have run away form the one thing that I ever made./Now I only wish that I could show you -/wish I could show a little soul..“
Und irgendwann antwortet der Kleine, zugestanden: diese Schlussfolgerung ist nicht zwingend, jedoch sind Zeilen wie „So please can I ask just why we’re alive?/Cos all that you do seems such a waste of time/and if you hang around too long you’ll be a man./Tell me ’bout it.” in “I’m a man” schon derartig interpretierbar und wie die vorigen Popsongs mit Gitarren an den richtigen Stellen, Pathos, Chören und Texten, die es verbieten, diese Platte im Zufallsmodus zu hören. Ist nicht, mh-mh. Wäre zumindest schade drum. Denn jetzt folgt nach all den großen Gefühle das, sich langsam aufbauende, anfangs gar entspannende Achtminutenmonster „Seductive Barry“, womit jede normale LP enden würde, doch – klar – diese nicht. Es gilt noch, die zauberhafte schöne, „Sylvia“ zu besingen, die eigentlich nicht falsch gemacht habe (außer schön zu sein) und nun aufgrund rätselhafter Umstände nurmehr als ferne Erinnerung existiert. Das waren schon großartige Zeiten…
Jetzt noch „Glory Days“ und „The Day After The Revolution“, das sich in einem Keyboardklangteppich auflöst, und in einer letzten Zeile: „Irony is over.“ und dann wabert es vor sich hin, leicht und leise im Hintergrund, bis sich ein letztes Mal Jarvis C. zu Wort meldet und es den Ersthörer zu Tode erschrecken kann. „Bye bye.“
a – Buskampage
Aha … yeah…
Campact.de
It’s the art
Ohrboot.de
Schneckenmühle – DAS sind Ferien
Aber jetzt: wegtreten, du Schäuble, du…!
Dreißig Schwerter | Mai und Beaflor
Werbung, wie gesagt
Wollen | Kriegen
Volle Zustimmung. Grandioses Album. Auch eines meiner Alltimefavourites.
Und da ich, wie du vielleicht weißt, eher ein visueller Mensch bin:
Die Videos zum Album sind auch ganz groß.
P.S.: Ich hatte noch nie nie nie zu Kaufhallenfachverkäuferinnenmusik (Coldplay) Sex.