04.03
Man merkt es schon: der Tag der Abstimmung naht, die Wahlbenachrichtigung ist da und die Kommentare werden gereizter. – Nein, ich rede nicht vom Bundestagswahlkampf, der hat zwar auch schon begonnen, ist hier aber nicht Thema (und über Parteien wird erst wieder geschrieben, wenn Die Linke ein Parteiprogramm hat oder die SPD den Antichristen da sucht, wo er sich befindet, und das ist sicherlich nicht in Saarbrücken.)
Es geht um den anstehenden Volksentscheid zur Initiative (von) ProReli, einem e.V., was eine gewisse Gemeinnützigkeit unterstellt, die ich aber nicht erkennen kann; vielmehr dürften die Jungs eher der Gemeinde, als der Gemeinschaft nützen. Und auch wenn sich manch einer eine Polemik wünschen mag, ich ordne jetzt einfach mal meine Argumente, die mich zu einer Stimmabgabe bewegen werden. (mehr Meinung gibt es hier und das modische Statement dazu hier.)
Also vorneweg: Als ungebildeter Atheist (damalige Selbstzuschreibung) vertiefte der Auftritt des Religionslehrers meiner damaligen Schule, den meine ganz und gar nicht konfessionsbegeisterte Geschichtslehrerin eingeladen hatte, mein Interesse an Religionen im Allgemeinen. Ich blieb dann bis zum Abitur Teilnehmer des evangelischen Religionsunterrichts. Nicht, weil ich zwischenzeitlich von Weihwasser geschändet worden wäre, sondern weil man vom “evangelisch” im Unterricht, der selten als solcher daher kam, nicht viel zu merken war. Zugegeben, hätte es Ethik schon gegeben, ich weiß nicht, ob ich mir die Extrastunde pro Woche aufgebürdet hätte, allerdings war es weniger Unterricht als eine lose Gesprächsrunde über die Geschichte aller möglichen Religionen, der kulturellen Zusammenhänge und einer Menge Themen, die man gerne als ‘Nachdenken über den Sinn des Lebens’ bezeichnen kann. Als Indoktrinierung oder Bekehrungsversuch habe ich das Ganze nie wahrgenommen, hinzu kamen Exkursionen auf einen jüdischen Friedhof oder in die KZ-Gedenkstätte Auschwitz. Kurzum: es war interessant und hat meinen Horizont sicher nicht verengt. Und der Religionslehrer gehört heute noch zu den von mir geschätzten Gesprächspartnern.
Genau der erwähnte aber einstmals die Initiative ProReli, und den von dieser Truppe gestarteten Versuch, konfessionsgebundenen Religionsunterricht als Wahlpflichtfach, alternativ zum in Berlin unterrichteten Pflichtfach Ethik, durchzusetzen. Mein Interesse war geweckt. Nicht unbedingt aus Sympathie unterschrieg ich sogar das Formular für das Bürgerbegehren, nicht weil ich das Unterfangen unterstützte, sondern um einen breiten Diskurs mitzuinitiieren. Dieser blieb leider – jedenfalls soweit ich das einschätzen kann – aus; aber es sind auch noch drei Wochen. Der schmutzige Wahlkampf kommt also erst noch. Auch gegen eine demokratische Meinungsbildung habe ich nicht unbedingt etwas einzuwenden, jedoch stört mich das Auftreten von ProReli schon.
Ich kann das Empfinden des Fachs Ethik als Angriff auf den freiwilligen Religionsunterricht verstehen und es ist eben mehr Unterricht in einer ohnehin schon überfüllten Stundentafel. Allerdings übersieht man hierbei, dass mir zumindest noch niemand bekannt, der wegen schlechter Noten in Ethik durchgefallen wäre, obwohl das theoretisch möglich ist, oder der ernsthaft Ärger wegen mangelnder Beteiligung am Ethikunterricht bekommen hätte. Nach allem, was ich hörte, ist Ethik eher ein Witz, “falsche Antworten gibt es nicht” (Zitat einer Lehrerin) – es ist also ratsam, am Strickmuster herumzuoptimieren. Jedoch hat Ethik einen Vorteil: weltanschaulich ist das Fach offen und hat vielleicht dem einen oder anderen zur Teilnahme verknackten schon zu Einsichten verholfen oder zumindest zu angeregten Diskussionen. Religionsunterricht ist auf dem Papier nicht unvoreingenommen, dass meine praktischen Erfahrungen dies widerlegen, spielt hier keine Rolle. Religion ist Weltanschauung und per Definition undemokratisch. Außerdem besteht in diesem Land eine Trennung von Kirche und Staat. Ich habe nichts gegen (andere) Weltanschauungen, aber diese taugen meiner Meinung nach nicht zum ordentlichen Unterrichtsfach mit Benotung und ggf. Versetzungsrelevanz. Wenn sich ProReli, die Kirchen und die anderen üblichen Verdächtigen nun für ein Wahlpflichtfach stark machen, ist das kein Bekenntnis zur (Wahl-)Freiheit, sondern ein weltanschaulicher Rollback. Wo einstmals Religionsunterricht freiwillig und zusätzlich war und später Ethik als Pflichtfach dazukam, so wäre ein Wahlpflichtfach eine Einführung des Religionsunterrichts als Pflichtfach ein Rückfall in Zeiten, die sogar noch vor Adolf liegen und der war schon ‘ne dumme Sau. (‘Tschuldigung, meine Wortwahl leidet am Tourette-Syndrom.) Freiwillig und ohne Noten ist in Ordnung, wenn es durch Ethik erschwert wird, ist das Pech, aber außerordentlich politische Äußerungen haben in der Schule und in deren Unterricht vom Lehrplan her keinen Platz (Habt ihr mal versucht, das Aufhängen eines Plakats bei eurem unparteiischen Schulleiter durchzusetzen?), schon gar nicht im Rang eines ordentlichen Unterrichtsfachs, und Religion ist, wie bereits erwähnt wurde, Weltanschauung.
Ferner wird die problematische Rolle der Institution Kirche unter anderem im dritten Reich zu einem weiteren Problem: Wer im NS so fleißig mitgemacht hat, wer die Hexenverbrennung in Ordnung findet und die Kreuzzüge sowieso, der hat in einer, der Weltoffenheit verpflichteten, dem Humanismus verpflichteten Schule keinen Platz. Von der Ökumene bzw. deren Torpedierung besonders durch die katholische Kirche mal ganz abgesehen. Da kann man anderer Meinung sein, dies hier ist meine. (Gerade auf der katholischen Kirche könnte man noch eine Menge Hohn und Spott abladen, aber das gehört hier nicht hin.)
Bleibt schließlich noch die Frage: Gleiches Recht für alle? Die Möglichkeit, die ProReli erdacht hat, dass alle Religionen und weltanschaulichen Gruppen konfessions- bzw. anschauungsgebundenen Unterricht anbieten dürfen, wenn der Volksentscheid entsprechend ausfällt, ist in mehrererlei Hinsicht schwierig: Scientology in der Schule? – Die brauchen nur den entsprechenden Prozess zu gewinnen und lassen sich bestimmt nicht zweimal bitten. Hardcore-Katholiken oder Calvinisten (in Berlin unwahrscheinlich, aber theoretisch möglich)? – Die werden sicherlich zuerst das Recht auf eine freie Meinung, die Freiheit des Willens und das Recht der Frau auf einen autonomen Umgang mit ihrem Körper zementieren. Von diversen protestantischen Fanatikern ganz abgesehen. Und selbst wenn die Fanatiker der Versuchung widerstehen oder anderweitig verhindert werden können, finde ich die Aussicht auf eine Schule mit katholischem Religionsunterricht, die nächste mit neuapostolischem, dann eine mit islamischem und eine andere mit jüdischem Religionsunterricht sehr erschreckend. Eltern und Schüler mit entsprechenden/m Überzeugungen/Glauben sind jetzt schon in entsprechenden Schulen anzutreffen, die es gibt und das ist mit den Worten des riesigen ProReli-Freundes Klaus Wowereit gesprochen, auch gut so oder wenigstens ihr gutes Recht.
Gerade am Beispiel der jüdischen Schulen sieht man aber sehr schön (oder eigentlich unschön), wohin das führt: eine ganze Menge Zielscheiben auf einem Ort konzentriert, die dann auf dem Heimweg zum Abschuss freigegeben sind – denn engstirnige Feinde gibt es genug und die wissen jetzt schon, wo sie ihre Opfer finden. Und das ist selbstverständlich nicht die Schuld der Opfer, wir sind ja nicht im NS – aber solange das Zeigen einer Religionszugehörigkeit – sei es auffällig durch Kippa oder dezent durch ein Kreuz oder einen Mond um den Hals – schon Anlass für Verfolgung ist, ist es blanke Illusion zu glauben, dass sich entsprechende Kräfte diese Chance entgehen lassen. Und es ist sicher auch dem Binnenklima und der Offenheit in der Schule nicht zuträglich, wenn alle das Gleiche glauben. Soll ja schon vorgekommen sein, das Einzelne nicht fromm genug waren und was ist, wenn eine Katholiken von 16 Jahren doch schwanger wird? Schulverweis? Oder wie verhält es sich mit dem Gedanken, dass mein muslimischer Freund Timur mich zum Essen einlädt und ich alter Atheist mal eine andere Seite der Kultur in diesem Land kennen lerne. Ein wenig Mischung verschiedener Weltanschauungen kann eigentlich der Demokratie in diesem und jedem anderen Land nicht schaden. Im schlechtesten Fall zeigen sich durch das ach so schlimme, erzwungene Miteinander die Grenzen der Toleranz.
Irgendwie habe ich das Gefühl und ja: auch die Meinung, dass es eine gute Idee ist, am 26. April mit “Nein.” zu stimmen und dafür zu sorgen, dass der Ethikunterricht besser wird. Und das einzige Pflichtfach bleibt. Die weltoffenen Religionslehrer sollten dann allerdings auch unbürokratisch als Ethiklehrer übernommen werden können. Jepp.
(Danke fürs Lesen. Ist ja doch etwas länger geworden.)

a – Buskampage
Aha … yeah…
Campact.de
It’s the art
Ohrboot.de
Schneckenmühle – DAS sind Ferien
Aber jetzt: wegtreten, du Schäuble, du…!
Dreißig Schwerter | Mai und Beaflor
Werbung, wie gesagt
Wollen | Kriegen
Länger, aber gut! Danke dafür, deine Argumente leuchten ein, für mich, die sich noch nicht sehr intensiv mit diesem Thema auseinander setzen konnte. Zeit wird’s
Falls es dich interessiert:
http://pankow.antifa.net/img/contrarelineu.jpg
[...] mit der Tapete. Wer sich lieber an Inhalten orientieren will, kann ein paar Gedanken dazu bei „Das Leben ist anderswo“ nachlesen (Vorsicht: Demokratieidealist ) oder am 20. April ins JUP zur Veranstaltung der [...]