2009
02.04

Als ich neulich mal wieder bei meinem Freund Emmett Brown auf eine Runde Schwatzen und einen Blutaustausch (tolle Wirkung!) war, kam ich auf die Idee, mal in meiner alten Hood vorbei zu fliegen und mir anzuschauen, was so aus der Stadt meiner Jugend geworden ist. Nicht schlecht kann ich euch sagen, der Lehrter Bahnhof (hieß wieder so, war aber mit dem Zusatz „Hauptbahnhof“ versehen) war ein Zentrum der Stadt geworden, ringsum sah nichts mehr aus, wie man es im guten alten Jahr 2009 kannte. Unter dem 2020 gewählten Regierenden Bürgermeister *** (soll ja ne Überraschung sein) war einiges getan worden, um etwas ökologischer an die Sache „Metropole“ heranzugehen: so war beispielsweise aus dem Tempelhofer Feld ein schöner Park geworden, der von zwei Seiten mit Museen, anderen Kultureinrichtungen und sozialen Einrichtungen eingerahmt war und in der Mitte einen wirklich zauberhaften Teich beherbergte, der im typischen berlinerisch-sarkastischen Volksmund ‘die Tempelhofer Pfütze’ genannt ward.
Da ich abends so schnell keinen für ein gemütliches Bier auftreiben konnte, ging ich auf Verdacht zum Haus, in dem früher mein ehemalige Religionslehrer gewohnt hatte und siehe da: alter Mietvertrag, er wohnte immer noch da, mittlerweile in Ehren ergraut; es sah so aus, als wäre es ihm in den letzten Jahren nicht schlecht ergangen. Und so landete ich mit ihm in einer Kneipe, man plauderte über dies und auch über jenes, ich erfuhr vieles von alten Bekannten und auch über die Zeitläufe.
Am meisten interessierte mich jedoch das lokale Aufregerthema von kurz vor meinem Abflug, der Volksentscheid der Initiative Pro Reli und was denn daraus geworden sei. Ich will es kurz machen – dieses Thema beschäftigte die Berliner noch Jahre. Die Initiative und die von ihr mobilisierten Befürworter eines eigenen Wahlpflichtfachs Religion gewannen seinerzeit den Volksentscheid, doch war das lediglich der Anfang eines Hickhacks, das die Dauer der Auseinandersetzungen um den eben fertig gebauten Flughafen BBI in Schönefeld noch um einiges überdauern sollten. Zunächst war es gekommen, wie die Autorin Julia Franck in einem zeitgenössischen Artikel prophezeit hatte: die konfessionell getrennten Religionsunterrichtsangebote hatten zu einer kulturellen Abschottung gegenüber anderen Gruppen geführt, eine Schule sammelte die Katholiken, eine weitere Kinder aus evangelischen Familien, und in den schlecht beleumundeten Bezirken wie Neukölln boomte der islamische Religionsunterricht.
Der senatsseitig verordnete Ethikunterricht jedoch sammelte nunmehr als Wahlpflichtfach alle, die keine Lust auf religiös vorgefertigte Wahrheiten hatten und verkam zur Pflichtübung mit Restecharakter, bis eine Gruppe von engagierten Lehrern verschiedener Schulen einen Modellversuch startete, der Furore machte. Mit der momentanen Situation unzufrieden, starteten drei Schulen – hier fragte ich nach dem Schultyp und erfuhr, dass die Einheitsschule tatsächlich eingeführt worden war – ein neues Fach, das in Anlehnung an ein einstmals in Brandenburg (mittlerweile Teil von Berlin-Brandenburg-Mecklenburg-Vorpommern, im Volksmund ‚BBMV’ genannt) unterrichtetes Fach LER ein übergreifendes Fach geworden war, verpflichtend unterrichtet, jedoch ohne Noten, dafür konnte man mit Engagement in diesem Fach bedenkliche Leistungen in einem anderen Fach ausgleichen.
Es trug den Namen „Ethik und Religion“ und war eine Mischung aus Informationen aus anderen Kulturbereichen und einem Überblick aller großen Religionen sowie der Geschichte dieser Glaubensgemeinschaften. Weitere Schmankerl waren eine Ausbildung der Schulung von rhetorischen Fähigkeiten in Referaten und Diskussionsrunden sowie schlaglichtartige Themenspecials über Sekten oder Geheimbünde, das Wesen von Verschwörungstheorien und Antisemitismusformen. So bekam man einen Hauch mehr Toleranz in diese Stadt und für jeden war etwas dabei – auch Informationen, die sich viele freiwillig gar nicht angetan hätten. Diese Informationen jedoch – und das unterstrich der alte Verfechter eines konfessionsübergreifenden Religionsunterrichts, mein alter Religionslehrer (ich hatte jenes übergreifende Fach in den Neunzigern, meiner Schulzeit, freiwillig belegt und möchte sagen: es hat meine damals enge Stirn etwas geweitet und den Blick über den Rand des eigenen Tellers schweifen lassen) – schlussendlich zu einem merklich toleranteren Klima in dieser Stadt geführt. So bestätigte die Initiative ProReli noelns volens den alten Satz, von der Kraft, die stets das Böse will und Gutes schafft. Vielleicht hatten aber auch die zahlreichen Gegenbewegungen wie eine Informationsguerillatruppe namens REF einen Einfluss auf die Debatte, die nachher keinen kalt ließ und irgendwie alle gemäßigten Bewohner der Stadt halbwegs versöhnte.
Diese Geschichte gefiel mir in der Zukunft, wie sie mir heute noch (oder schon?) gefällt, mein alter Lehrer und ich feierten dies mit einigen halben Litern, schließlich gab uns der Wirt noch einige Kurze aus und ich erwachte am nächsten Morgen zwanzig Jahre vor diesem Abend mit einem leichten Kater. Da wäre eine weitere Bluttransfusion schön gewesen, jedoch war ich schon zurück, zurück aus der Zukunft.

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