2007
05.25

Ich bin so böse

Ich bin Topmodel-föhig, wenn es um den Gebrauch des Wörtchens „ich“ und die dazugehörigen Fälle geht. Darum und folgerichtig werde ich im Folgenden alles auf mich beziehen und begonnen hab ich mit „ich“. So ist das, wenn man etwas wichtig nimmt. Beispielweise am Montag traf ich eine Nachbarin im Hausflur. Sie, begleitet von zwei Kindern kam bei gefühlten 42°C etwas verschwitzt vom Spielplatz und aus der Sonne. Und weil auch sie mich für wichtig hält, begann sie sofort über mich zu reden: „Du siehst ja glatt aus!“ – „Is nur ein weißes Hemd!“, entgegnete ich.  –„Ja und deine Fönwelle…“ -  „Frisch gewaschene Haare, Sonnenbrille reingeschoben“, meine Rechtfertigung dafür, obwohl wenn man wichtig ist, braucht man ja eigentlich nichts zu erklären. Oder man erklärt die anderen einfach für böse. Zum Beispiel Leute, die von ihrem Grundrechten Gebrauch zu machen denken. Aber das lenkt hier nur ab. Es geht hier um Wichtigeres, um mich zum Beispiel, als einziges Beispiel. „Und die Parfümwolke“, kritisierte die freundliche Nachbarin weiter  -  Richtig, ich diesle mich gelegentlich ein, wenn ich mich in die feindliche und darum Schweiß treibende Umwelt hinauswage. Hilft nichts, aber mir ist Carsten van Ryssen ja nicht über den Weg gelaufen. Aber meine Nachbarin, und der schuldete ich noch eine Erklärung, denn ich war auch noch rasiert  -ein glatter Bösewicht eben. Und so beschritt ich meinen Weg, traf einen anderen Nichtsnutz und saß schließlich mit ihm in einem Café und surfte boshafterweise im Internet. Zumindest versucht habe ich es. Als ich es nicht mehr aushielt, fuhr ich nach Hause. Böse sein schlaucht eben.

In der Bahn klingelt das Handy, mein Oberbösewicht (=Chef) ist dran. Kollege kaputt, Ivo auch, springt aber ein. Ich schmiede neue Pläne, für den Anfang fahre ich zurück nach Friedrichshain. Die Bahn kommt, die Klimaanlage funktioniert, ich bin mal wieder böse – diesmal, weil das am Nachmittag noch anders war. Und mir warm. Da erblicke ich eine Bekannte und lege mir gemein, wie ich bin, eine Maske zu: ich gehe auf sie zu und reiche ihr die Hand. Doch da hält mich nichts mehr, das Böse bricht wieder durch, ich drücke zu. Knack. Eben zierte noch ein Ring ihre Hand, jetzt liegt der Ex-Ring in drei Holz- oder Plastikteilen auf dem Boden. Sie steigt aus, der Platz ist frei. Ich setze mich nicht, schließlich bin ich grundlos böse. Aber niemand trägt den einen Ring. Nicht mit mir!

Der Rest des Abends verläuft mittelmäßig böse und so sitz ich schließlich mit dem kaputten Kollegen und anderen Wichten (nicht so böse wie ich, naturellement) bis sechs Uhr morgens, darüber nachsinnend wer wohl zuletzt in die Kasse gegriffen hat. Da treibt ein Bösewicht sein Unwesen, und ich weiß nicht, wer hier heimlich Konkurrenz macht, und dann auch noch auf solch abgegriffene Art.

Einige Stunden später lese ich in der Tagespresse doch tatsächlich, dass die Bannmeile aus dem letzten Posting von 200 auf mehrere Kilometer ausgedehnt wird. Wohl keinen Qualitätszaun aufgestellt, ihr Versager?! Wenn das so weiter geht, gibt es in Rostock bald keine Menschen mehr. Und wenn der Gipfel der Ganzschönnervösen 8 (so genannte ‚G 8’) erst in sechs Wochen wäre, dann wäre wahrscheinlich ganz Mecklenburg-Vorpommern bald eine Bannmeile. Immerhin dürften die Neonazis dann auch nicht demonstrieren. Aber die sind nicht böse genug und dürfen darum folgerichtig in Schwerin aufmarschieren. Da stören sie wenigstens keinen. Und was die Schweriner, die nicht zur Demo gehen, darüber denken, ist zum Glück egal.

Am Mittwoch verschlägt es mich nach Schöneweide. Der Name ist selbstredend eine böse Verarschung. Eine halbe Stunde vor dem Bulettenbrater mit dem besseren Kaffee (und echt bösen Preisen) überzeugt mich von diesem Umstand. Eine substanzlose und unreflektierte, unangemessene und boshafte Unterstellung ist dies, aber ich kann mich diesen Eindrucks nicht erwehren. In Schöneweide gibt es keine gut aussehenden Menschen. Meine Freundin trifft ein, ich berichte von meiner boshaften Verallgemeinerung. Sie berichtet von der Gettoisierung ganzer Stadtteile, ich fühle mich kurz in meiner arroganten Weltsicht bestätigt. Und während ich ‚Gettoisierung’ tippe, überzeugt mich die Rechtschreibkorrektur von der Boshaftigkeit der Rechtschreibreform.

Treptow-Köpenick, besonders Treptow ist bekanntermaßen eine Hochburg des Bösen, alles voller PDS-Wähler, auch wenn der Wolf im Schafspelz sich jetzt mit Spiesgesellen im Westen zusammengetan und „Linke“ genannt hat. Ein ganzer Stadtteil voller Stasispitzel, das Böse in 50er-Jahre-Bauten kaserniert. Wehe wenn sie losgelassen. Ein Gespenst geht um. Und während das Gespenst umgeht, suche ich Nazis, denn das ist nicht so schwer in Schöneweide. Der Bezirk ist ja für seine Toleranz gegenüber Andersartigen bekannt.

Und was anders ist stinkt. Was mich wiederum auf die Meldung bringt, die meine nach Druckerschwärze müffelnde Recyclingpostille mir so eben näher brachte: Geruchsproben von diesen Terroristen, wofür man die wohl braucht. Ganz klar: Störenfried und Einsatzhundertschaftler spielen in der Pampa vor Heiligendamm Stinker und Hund. Wer wohl der Hund und wer der Stinker ist? Als Boshafter Hundehasser bin ich der Meinung, dass Hunde mehr stinken, als die Hunde, die auf die Idee kommen, so zu demonstrieren, wie ihnen die Grundrechte in diesem Land das zusichern. Überhaupt davon Gebrauch zu machen ist eine Unverschämtheit. Hat doch letzten Sommer so schön geklappt, die Welt zu Gast bei Freunden.

Jetzt sind wieder Freunde da, der George W. zum Beispiel, und wer nicht dessen Freund ist, der muss halt draußen bleiben. Ist eigentlich ganz einfach. Und diese „Stasi-Methoden“ (vor allem Geruchsproben, aber auch: knüppeln, Razzien, Demoverbote) von denen die hysterische Vorsitzende der amnesty international-Deutschland-Sektion, Frau Barbara Lochbihler erzählt, ja gut, ich meine das ist ja nun schon lange genug her, irgendwann muss es doch auch mal gut sein, lassen wir die Kirche im Dorf und stören vor allem nicht in Heiligendamm. Macht doch einen schlechten Eindruck.

Dieses kriminelle Pack, Terroristen, Rechtsverletzer – aber der Text ist bis hier echt kompliziert, da hab ich glatt den Überblick verloren. Wer ist jetzt eigentlich wer?

2 comments so far

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  1. ich, ich, ich, ich finde es schön in Köpenick und lasse nichts auf meine grüne, idyllische 50er Jahre Platte kommen. Die ganzen Bespitzler vergangener Jahre sterben langsam raus aus den Häusern. Hin und wieder sieht man auch hier junge Gesichter, es werden immer mehr und die Zahl Stützstrümpfe tragender, Gehwagen vor sich herschiebener Senioren immer weniger. Schade nur, dass sich jetzt keiner mehr über vollgeschmierte Hauswände beschwert und Köpenick bald so aussieht wie er Rest von Berlin. Die Mentalität ehemaliger duftprobensammelder Senioren, die Stolz auf die goldene Hausnummer waren, hatte auch was Gutes.

  2. schöner text. nett geschrieben. aber ich hätte mir ja von der ankunft deiner freundin die kurzzeitige eindämpfung deiner bösen seite und ein kleines verzücktes “hmmmm” gewünscht. eigentlich bist du doch n guter! und ich werde jetzt nicht den vergleich zu tobey m. ziehen.